Semax & Selank ·

Semax vs. Selank

Zwei Heptapeptide mit gemeinsamem Pro-Gly-Pro-Ende und unterschiedlichem Ursprung. Der Vergleich zeigt, was sie verbindet, was sie trennt und wo beide gemeinsam untersucht wurden.

Hinweis: Dieser Beitrag fasst publizierte Forschung zusammen. Er ist keine Anwendungsempfehlung und keine medizinische Information. Unsere Produkte sind ausschließlich für Forschungs- und Laborzwecke bestimmt.

DIREKTVERGLEICH Semax Selank Molare Masse 813,9 751,9 Nettoladung bei pH 7 negativ positiv Ursprung ACTH(4–7) Tuftsin Schwerpunkt BDNF/TrkB GABA

Die Tabelle

Semax Selank
Sequenz Met-Glu-His-Phe-Pro-Gly-Pro Thr-Lys-Pro-Arg-Pro-Gly-Pro
N-terminaler Baustein ACTH(4–7), Teil des Hormons ACTH Tuftsin, Fragment von Immunglobulin G
C-terminaler Baustein Pro-Gly-Pro Pro-Gly-Pro
Summenformel C₃₇H₅₁N₉O₁₀S C₃₃H₅₇N₁₁O₉
Molare Masse 813,9 g/mol 751,9 g/mol
Nettoladung bei pH 7 negativ (Glu) positiv (Lys, Arg)
Schwerpunkt der Forschung Neurotrophe Faktoren (BDNF/TrkB), Genexpression nach Ischämie GABAerges System, Enkephalinabbau, Immungene
Leitstudie BDNF/TrkB im Hippocampus der Ratte (PMID 16996037) GABA-Genexpression im Kortex der Ratte (PMID 26924987)
Enkephalinasehemmung in vitro IC50 ≈ 10 µM IC50 ≈ 20 µM
Status In Russland registriert, EU nicht zugelassen In Russland registriert, EU nicht zugelassen

Die IC50-Werte der Enkephalinasehemmung stammen aus derselben Arbeit mit Enzymen aus Humanserum (PMID 11443939) und sind deshalb direkt vergleichbar.

Was die Sequenzen verraten

Die Unterschiede liegen vollständig in den ersten vier Positionen. Semax trägt mit Glutaminsäure eine saure Seitenkette, Selank mit Lysin und Arginin zwei basische. Das beeinflusst Löslichkeit, Retentionszeit in der HPLC und das Bindungsverhalten. Das gemeinsame Pro-Gly-Pro gehört zur Familie der Glyproline; es soll beide Peptide gegen Abbau stabilisieren.

Gemeinsam untersucht

Direkte Vergleiche sind selten. Eine Arbeit maß die Hemmung enkephalinabbauender Enzyme beider Peptide unter identischen Bedingungen (PMID 11443939). Eine fMRT-Studie an gesunden Teilnehmenden verglich beide mit Placebo hinsichtlich der Ruhekonnektivität der Amygdala. Sie beschreibt gemeinsame wie spezifische Effekte (PMID 32342318).

Für die Versuchsplanung

Wer beide Peptide im selben Modell vergleicht, sollte äquimolar statt massengleich einsetzen: 1 mg Semax entspricht 1,23 µmol, 1 mg Selank 1,33 µmol. Der Rekonstitutionsrechner gibt die molare Konzentration beider Substanzen aus.

Warum ein direkter Vergleich schwierig ist

Wer beide Peptide gegeneinander stellen möchte, stößt schnell auf ein methodisches Problem: Die Studienlagen sind nicht symmetrisch. Zu Semax existieren deutlich mehr Arbeiten zu ischämischen Modellen und zur Genexpression, zu Selank mehr zu angstassoziiertem Verhalten im Tiermodell und zur Immunmodulation. Ein Befund aus der einen Literatur lässt sich deshalb nicht einfach auf das andere Peptid übertragen — auch dann nicht, wenn die Sequenzen zu drei Siebteln identisch sind.

Hinzu kommt, dass ein großer Teil beider Literaturen aus denselben russischen Instituten stammt und auf Russisch publiziert wurde. Unabhängige Replikationen außerhalb dieser Gruppen sind für beide Peptide dünn gesät. Das ist kein Argument gegen die Befunde, aber ein Grund, Effektstärken zurückhaltend zu lesen.

Physikochemische Konsequenzen der Ladung

Der Ladungsunterschied ist die praktisch folgenreichste Abweichung zwischen beiden Molekülen. Semax trägt bei neutralem pH durch die Glutaminsäure eine negative Nettoladung, Selank durch Lysin und Arginin eine positive. Daraus folgt unmittelbar:

  • Retentionsverhalten: In der Umkehrphasen-HPLC eluieren die beiden Peptide unterschiedlich. Wer eine gemeinsame Methode für beide aufsetzt, braucht in der Regel einen angepassten Gradienten.
  • Ionenaustausch: Für eine Aufreinigung oder Abtrennung über Ionenaustauscher verhalten sich die Peptide gegensätzlich — Semax bindet an Anionentauscher, Selank an Kationentauscher.
  • Oberflächenadsorption: An negativ geladenen Glasoberflächen zeigt das basische Selank stärkere Adsorptionsneigung als Semax, was bei stark verdünnten Lösungen relevant wird.
  • Pufferwahl: Bei pH-Werten nahe dem jeweiligen isoelektrischen Punkt sinkt die Löslichkeit. Für beide Peptide ist ein neutraler bis leicht saurer Ansatz unkritisch.

Was das für die Versuchsplanung heißt

Ein sauberer Vergleich verlangt drei Dinge. Erstens äquimolare statt massengleicher Ansätze — der Unterschied von 813,9 zu 751,9 g/mol bedeutet bei gleicher Einwaage rund 8 % Abweichung in der Stoffmenge. Zweitens Material aus jeweils einer einzigen Charge pro Peptid, damit Chargenschwankungen nicht als Substanzeffekt erscheinen. Drittens eine gemeinsame Kontrollbedingung, die das Lösungsmittel einschließt.

Wer beide Peptide parallel führt, findet sie im Semax + Selank Pulver-Stack chargenrein zusammengestellt. Der Rekonstitutionsrechner gibt für beide Substanzen die molare Konzentration aus, sodass sich äquimolare Ansätze ohne Umrechnung von Hand ergeben.

Die Einzelprofile mit vollständiger Quellenlage stehen in den Beiträgen zu Semax und Selank; wie N-Acetylierung und Amidierung die Stabilität beider Moleküle verändern, behandelt der Beitrag zur N-Acetylierung.

Quellen

  1. Tierexperimentell

    Dolotov OV, Karpenko EA, Inozemtseva LS, et al. (2006). Semax, an analog of ACTH(4-10) with cognitive effects, regulates BDNF and trkB expression in the rat hippocampus. Brain Res 1117(1):54–60. PMID 16996037

  2. Tierexperimentell

    Volkova A, Shadrina M, Kolomin T, et al. (2016). Selank Administration Affects the Expression of Some Genes Involved in GABAergic Neurotransmission. Front Pharmacol 7:31. PMID 26924987

  3. In vitro

    Kost NV, Sokolov OIu, Gabaeva MV, et al. (2001). Semax and selank inhibit the enkephalin-degrading enzymes from human serum (Russian). Bioorg Khim 27(3):180–183. PMID 11443939

  4. Klinisch (Arzneimittel RU)

    Panikratova YR, Lebedeva IS, Sokolov OY, et al. (2020). Functional Connectomic Approach to Studying Selank and Semax Effects. Dokl Biol Sci 490(1):9–11. PMID 32342318

  5. Übersicht

    Siebert A, Gensicka-Kowalewska M, Cholewinski G, Dzierzbicka K (2017). Tuftsin – Properties and Analogs. Curr Med Chem 24(34):3711–3727. PMID 28745220

Häufige Fragen

Was haben Semax und Selank gemeinsam?

Beide sind Heptapeptide aus demselben Institut, beide enden auf Pro-Gly-Pro, und beide hemmen in vitro enkephalinabbauende Enzyme aus Humanserum.

Was ist der wichtigste Unterschied?

Der N-terminale Teil. Semax beginnt mit einem ACTH-Abschnitt (Met-Glu-His-Phe), Selank mit Tuftsin (Thr-Lys-Pro-Arg). Daraus ergeben sich unterschiedliche Forschungsschwerpunkte.

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